Die Frau, die an einem ganz normalen Sommertag plötzlich keine Gedanken mehr im Kopf hatte
Eine Buchbesprechung mit ausgewählten Lesenotizen
Das Buch, eine Heldin und eine Berichterstatterin
Das Buch erzählt von einer spontanen Erleuchtung, die Yolanda Duran-Serrano, eine mitten im Leben und Beruf stehenden Frau traf, eine Frau, die sich im Grunde nicht für Spiritualität interessierte und sich nicht darum bemühte. Erzählt wird die Geschichte von einer thematisch an diesem Thema schon immer interessierten Journalistin, die überraschender Weise die Zustimmung für ein Interview erlangte, sich mit der Hauptperson anfreundete und sich mit ihrer Hilfe auf den Weg macht auch persönlich dem Phänomen Erleuchtung näher zu kommen.
Die als Aussteigerin in der Einsamkeit Kanadas lebende Exjournalistin Laurence Vidal lernte Yolanda einmal kurz kennen als sie nach Amerika von wissbegierigen Leuten eingeladen war über ihre Erwachungserfahrung zu sprechen. Diese ganz kurze Zusammentreffen, das Erleben einer besondern Präsenz, eines „Wirbels von Licht und Milde“ hinterließ bei Laurence eine ganz besondere Spur. Und dann die überraschende Einladung, eine Einladung auf die schon viele vergeblich hofften und über ein Abenteuer der Stille zu berichten, dass bereits über fünf Jahre andauerte. Über Stille schreiben, wie sollte das gehen? Eine Stille von Präsenz erfüllt, eine leere Fülle oder erfüllte Leere, ein „Erschauern und „Ergriffensein“ erfasste Laurence alleine beim Gedanken an dieses Interview.
Eine unglaubliche Geschichte
Es war wie der buchstäbliche Blitz aus heiterem Himmel, als ihre Identität, die Identifikation mit ihren Körper, den Wahrnehmungen und den Gedanken sich in diese „lebendige Stille“ verabschiedeten. „An die Stelle ihrer Identität trat die wachsende Erkenntnis, dass zwischen ihr und der Welt, wie sie Moment für Moment erschien, nichts mehr Trennendes bestand.“
„Diese Sache“, wie sie diesen Zustand respektierlich nannte, machte sie „lebendiger, als sie je war“, und zugleich fühlt sie sich „tot, ausradiert, konfisziert, gelöscht, nicht mehr da“.
Sehr behutsam und kundig führen die Autorinnen den Lesern vor Augen, dass die manifestierte und wahrgenommene Welt nur in unserer >Person<, meinem >Ich-bin< existiert und das die wirkliche Wahrnehmung durch >diese Sache<, einer Sache, die erst durch, mit und in der vollkommen Stille erfahren wird, vielleicht besser gesagt, beobachtet, erlebt und tief empfunden werden kann. Kundig ausgewählte Zitate, wie z.B. aus der Bhagavadgita
(„Wer mitten im Getümmel in tiefen Frieden und in größter Ruhe sehr regsam sein kann, der hat das Geheimnis des Lebens aufgedeckt!“)
verweisen darauf, dass es sich bei >dieser Sache< um Wissen handelt, dass den Weisen und Erleuchteten schon immer und in gleicher Weise bewusst ist. Die ganze geballte Erfahrung von Yolande, der Protagonistin dieser Geschichte, versucht sie in eindrucksvollen Aussagen zu vermitteln.„Sei was Du im Augenblick bist, und laß die Spontanität tun, was sie zu tun hat, denn das erste Wunder besteht darin, dass ich die Welt sehen kann, du, ich, alle besitzen die Fähigkeit, die Welt zu sehen. Alle Welt erlebt das >Ich-bin<, dann erscheint das Sein im Nichtsein. Dabei kommt es für das Ich-bin< spontan zu einem Nicht-Existieren. Das Erscheinen des Seins im Nichtsein, das ist diese Spontanität, die dich veranlasst, die >Person< aufzugeben, also nicht mehr zu existieren.“Aber erst die ausführliche Diskussion, das gemeinsame Erleben der beiden Autorinnen machen es möglich, der Essenz dieser Aussagen nachzuspüren, um sie überhaupt erst oder zumindest besser zu verstehen und ihre Wahrhaftigkeit zumindest zu erahnen.
Für den suchenden und fleißig übenden Leser (oder die Leserin) ist es allerdings ernüchternd zu erfahren, dass Üben und sich auf den spirituellen Weg zu begeben hilfreich ist aber keine Garantie für Erleuchtung ist. Diese kommt, spontan, unerwartet und heftig.
„Du verabschiedest dich von einer Idee, eine >Person< zu sein. Es passiert. Das ist eine mysteriöse Geschichte, aber es passiert. Man muß nicht erst zwanzig Jahre üben. Es ist eine Geschichte in einer tausendstel Sekunde. So läuft das, denn, „Was du spürst, egal was, gehört zum Manifestierten. Aber was du bist und was die Stille werden läßt, ist davor. Vor der gesamten Manifestation“. Ein Zitat von Maharaj*) – eine Aufforderung an die suchenden Besucher:“Hört auf zu suchen. Lasst euch finden“. Aber es gibt nicht einmal das Sich-finden-Lassen- es ist schon da!“
Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen
In einem langen und intensiven Zusammensein forscht Laurence Vidal, inzwischen als Freundin, nach den Wesen, den Gefühlen und den persönlichen Empfindungen, die sich in Yolande abspielen, die >diese Sache< in Yolande auslöst. Die mit Worten zart gemalenen Bilder leuchten einen für den normalen Menschen kaum nachvollziehbare Gefühle und Zustände aus, Zustände die durch eine außerordentliche Präsenz der Gedanken und der Sinne, einer erfüllten Leere und in einem kompromisslosen Gefangensein in einer Lebendigkeit, die von einer unglaublichen Stille im Inneren getragen wird. Der Leser erhält eine Ahnung davon, was Erleuchtung bedeuten kann, warum sie etwas wunderbar Einzigartiges ist aber auch davon, was es gilt aufzugeben, zu verlassen, hinter sich zu lassen.
Eine sehr schön erzählte Erfahrungsgeschichte, die jeden Leser bereichern kann. Er/sie kann sich als Rationalist wundern und kann staunen, welche Geschichten das Leben schreibt; als Romantiker darf er/sie von wunderbaren Zuständen träumen, eine Welt kennen lernen, die nicht von dieser Welt ist und als Suchender wird er viele hilfreiche Hinweise und orientierende Wegmarken finden.
*) Sri Nisargadatta Maharaj: Sri Nisargadatta Maharaj war ein sehr unkonventioneller Meister der Advaita Lehre
Das Buch: Erfahrungen einer Erleuchtung, Die Frau, die an einem ganz normalen Sommertag plötzlich keine Gedanken mehr im Kopf hatte, von Laurence Vidal und Yolande Duran-Serrano